MICHAEL LÖSEL · Wort, Spiel und Musik
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Nürnberger Nachrichten 14. April 2015




Nürnberger Nachrichten 11. September 2014



Nürnberger Nachrichten 11. September 2014

„Die Vernunft spricht, das Herz fragt und singt“

Literarische Annäherung an ein schwieriges Thema: Neues Projekt Mus(e)en-Lesung zum Dokumentationszentrum

Das Projekt „Mus[e]en-Lesung“ bringt neue Literatur in die Städtischen Museen. Die Nürnberger Autorengruppe hat bisher schon Texte und Lesungen für das Spielzeugmuseum oder das Museum Industriekultur angeboten.

Nun stellt die Initiative um den Autor Michael Lösel ihr bisher gewagtestes Projekt vor: „Märsche & andere Gangarten“ heißt eine literarische Annäherung an das Dokumentationszentrum. Keiner der beteiligten Autoren hat die Zeit des Nationalsozialismus selbst erlebt, und doch haben alle Erinnerungen daran, die ihnen seit der Kindheit durch Geschichten ihrer Eltern und Großeltern, durch Verhaltensregeln in der Schule oder durch Erlebnisse und Erfahrungen in ihrer nächsten Umgebung mitgegeben wurden. Präsentiert wird das Projekt am kommenden Sonntag im Dokuzentrum.

Es ist ein heikles Unternehmen, auf das sich die Autoren diesmal eingelassen haben - und es ist ihnen sehr wohl bewusst. Denn das Dokumentationszentrum Reichsparteitage, das zu den Museen der Stadt Nürnberg zählt, beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte.

Mehr oder weniger unterhaltsame Geschichten zu den ausgestellten Gegenständen im Spielzeugmuseum, im Fembohaus oder im Museum Industriekultur zu erzählen, ist das Eine. Sich mit der brutalen Geschichte des Dritten Reiches literarisch auseinanderzusetzen etwas ganz anderes. In der Vorbemerkung zu dem reich illustrierten Taschenbuch „Märsche & andere Gangarten“ heißt es: „Die Texte wiederholen keine Fakten, Tatsachen, Zahlen, die sich in wissenschaftlichen Kompendien finden und deren Auswertungen Bibliotheken füllen. Sie versuchen nicht, sich mit Bezug auf andere zeitgenössische künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Faschismus zu rechtfertigen. Und sie distanzieren sich von larmoyanter Betroffenheit.

Hier und da gab es im Leben der Autoren Berührungen mit Zeitzeugen. Sie ereigneten sich in der eigenen Familie, in der Verwandtschaft oder im weiteren Bekanntenkreis. Davon geblieben sind mittlerweile nur Erinnerungen, die heute nicht mehr gefragt sind.

Den Stimmungen aber, die den Hintergrund dieser Gespräche tönen, haben sich die Autoren zugewandt. Stimmungen, die sie in ihrem Alltag immer dann spüren, wenn sie unerwartet mit dem Kellergeruch deutscher Geschichte konfrontiert werden, aber auch dann, wenn sie den Weg in die jüngste Vergangenheit bewusst einschlagen.“

Der Versuch, sich diesem schwierigen Thema auf neue Weise zu nähern, ist durchaus begrüßenswert. In diesem Fall ist es ein Gemeinschaftswerk von Michael Lösel (Jahrgang 1957), Susanne Rudloff (Jahrgang 1980), Vincent E. Noel (Jahrgang 1980), Madeleine Weishaupt (Jahrgang 1970), Günter Körner (Jahrgang 1947), Wolfgang Dahms (Jahrgang 1950) und Holger Trautmann (Jahrgang 1972). Teamwork ist wörtlich zu verstehen, denn viele der Texte in diesem Lese-Buch sind gemeinsam erarbeitet worden und nur im Inhaltsverzeichnis namentlich gekennzeichnet.

Die Texte sind beim Projekt Mus(e)en-Lesung aber nur die halbe Miete: Denn von Anfang an gedacht sind sie für szenische Lesungen in den jeweiligen Ausstellungshäusern, direkt vor Ort soll sich ihre Bedeutung und Poesie bestmöglich entfalten. Die Belebung der Museen und Anregung der Fantasie mit Hilfe von Literatur ist das Ziel.



Sieben Autoren in einem Boot: Die Projektgruppe „Mus[e]en-Lesung“ um Michael Lösel (ganz rechts) auf dem Dutzendteich, im Hintergrund der Torso des Nürnberger Kongressgebäudes.

Bunte Mischung

Nicht immer gelingt das hundertprozentig, nicht immer können die Beiträge in „Märsche & andere Gangarten“ überzeugen, nicht immer hält die Qualität der künstlerischen Ambition stand. Die Annäherung an das schwierige Thema geschieht assoziativ und in fünf Akten. Verschiedene literarische Formen wie Dialoge, Gedichte und Kurzgeschichten wechseln sich miteinander ab.

Gleich zu Beginn erörtern die Autoren kurz die bekannte These von Theodor W. Adorno, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben.

Dann geht es in bunter Mischung von der Vergangenheit in die Gegenwart und zurück, von Oradour nach Ostpreußen und in die Schweiz, von Nürnberg nach Paris. Die Fantasie der Autoren kann sich an Fundstücken im Schrebergarten ebenso entzünden wie an einer Kinderzeichnung. Manche Texte sind die Versuche von Nachgeborenen, das Unerklärliche zu erklären, das Verhalten von Eltern und Verwandten in der NaziZeit zu begreifen. Die fiktiven Texte stehen in einem seltsamen Kontrast zu den historischen Fotos aus Familienalben und Geschichtsbüchern. So besteht die Gefahr, dass die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion in den Köpfen der Betrachter völlig verwischen.

Und das ist wohl der wunde Punkt bei diesem ambitionierten Projekt. Kann sein, dass dieses Manko bei den szenischen Lesungen am historischen Ort weniger ins Gewicht fällt als bei der Lektüre.

Ein spannendes Experiment ist dieses Literaturprojekt, das keine wissenschaftliche, sondern eine künstlerische Herangehensweise bevorzugt, zweifellos. Wie heißt es im Vorwort?

„Die Autoren haben den künstlerischen Weg eingeschlagen, eine Suche nach Worten, eine Expedition zum Verstehen und Begreifen dessen, was sich in dem schwarzen Loch menschlicher Existenz befindet.

Beide Wege scheinen sich in der Annäherung an das Ziel zu treffen. Dennoch, Dimension und Maßstab sagen nichts aus über die Annäherung dieser unterschiedlichen Perspektiven und Antriebe. So nahe sie sich scheinbar kommen, sie berühren sich nicht. Die Vernunft erklärt und spricht - im besten Fall Recht. Das Herz fragt und singt - auch beim Abstieg in den Keller.“

STEFFEN RADLMAIER


Nürnberger Nachrichten / Kultur 18.06.13 >>>

Lebendige Geschichte

Neuer Band mit Laufer "Mus[e]en-Lesungs" -Texten

In Nürnberg sind die "Mus[e]en-Lesungen längst eine Institution. Als erstes Haus im Umland lädt nun auch das Industriemuseum Lauf zu den Führungen der literarischen Art ein. Die Texte der Autoren sind in dem neuen Band "Wasserkraft & andere Energien" (Fahner Verlag) nachzulesen.

Nichts gegen AudioGuides, die diskreten Museumsflüsterer. Nur manchmal nerven sie mit ihrer Faktenflut. Gut, die besseren unter ihnen gönnen uns schon mal eine musikalische Verschnaufpause. Nur woher kommt eigentlich dieses Bemühen, möglichst wissenschaftlich und unangreifbar zu sein? Dient es wirklich der Wahrheitsfindung? Undenkbar etwa, dass in der sonst sehr schönen Hamburger Giacometti-Ausstellung dessen Bonmot zitiert würde, ein Kunstwerk könne man nicht vollenden, sondern nur " aufgeben". Dabei zeugt die ganze Ausstellung genau von dieser Einsicht. Aber, nein, das ist eine Anekdote, das muss draußen bleiben.


Geheimfach des Kindes

Dass es auch ganz anders geht, zeigt die Reihe "Mus[e]en-Lesungen., die soeben den Band „Wasserkraft & andere Energien“ im Industriemuseum Lauf veröffentlicht hat. Wie schon beim Nürnberger Fembohaus und dem Museum Industriekultur ist wieder ein Vademecum entstanden, das sich von den Museums-Exponaten zu literarischen Etüden inspirieren lässt, die nicht das Gesehene noch mal nachbeten, sondern es paraphrasieren in eigenständigen Reflexionen. Beispiel gefällig? Wenn das Laufer Museum die Wohnkultur der 50er und 60er Jahre rekapituliert, dann macht Günter Körner daraus ein kleines Erinnerungsstück über ein Geheimfach, wo er als Kind alles versteckte, was die Mutter nicht finden sollte. Oder Madeleine Weishaupt denkt angesichts von Arbeitslosigkeit an Heimlichtuerei und Vertuschungsversuche in der eigenen Familie. Titel: "Vater weiß nichts, und Mutter steckt mir einen Zehner zu“.


Erzählt wird, wie das Kind durch ein Kaufhaus streicht und sich einen billigen Fummel kauft. Nur um ein Schnäppchen zu machen, denn das gefällt der Mutter. Und so geht das weiter in einem sinntötenden Alltag. Der aber lässt sich nur literarisch darstellen. Das Museum zeigt die Industrialisierung, doch erst durch die Texte wird deren Zerstörungswerk mit seinen Folgen wie Arbeitslosigkeit, Naturraubbau, Massenverelendung lebendig.

„Exponate und Räume werden zur Spielfläche der freien Assoziation“, so Christiane Müller, die Leiterin des Laufer Industriemuseums. „Als würde man eine verborgene Tür öffnen und entdecken, was sich in den Museumsräumen abspielt, wenn man nicht hinsieht."

Das ist das Geheimnis dieses spartenüberschreitenden Projekts. Michael LöseI, Holger Trautmann, Wolfgang Dahms, Susanne Rudloff und der Rest der Autorengruppe hauchen den Museen neues Leben ein, indem sie sie mit dem Hier und Heute konfrontieren. Im Laufer Fall ist dabei sogar ein eigenes Glossar entstanden, in dem man vieles erfährt, was in den Kontext von Mühle, Wasser und Produktion gehört und was man so sicher noch nicht gehört hat. Oder wer weiß schon, was eine "Radstube" ist? (Der Bretterverschlag, der das Wasserrad vor Vereisung schützen soll). Oder dass bei der "Schönen Müllerin" das harmlose Verb "mahlen" auch ein Synonym für "Beischlaf haben" sein kann.

DIETMAR BRUCKNER


Pegnitz-Zeitung / 20.04.2013 >>>

Alternativer literarischer Führer in Lauf vorgestellt

Erhältlich im Laufer Industriemuseum
oder im Handel
Fahner-Verlag Lauf
ISBN 978-3-942251-09-9

Fast am Schluss des kleinen Museumsführers, auf Seite 68 des neuesten Büchleins über das Laufer Industriemuseum, findet sich die Auflösung. In einer Zeile unter dem Foto der Autorn, die sich um den Esstisch des ehemaligen Fabrikbesitzers Dietz versammelten, schreibt der Initiato und Macher des Projektes „Mus[e]en-Lesung“, Michael Lösel: „Es wird nicht um die musealen Objekte gehen, sondern um allzumenschliche Schicksale, um Tragödien und glückliche Augenblicke, die hier im Zeitfluss stattgefunden haben“.

Das „Hier“ ist dabei das Laufer Industriemuseum, das sind die Räume von Schmiede und Arbeiterwohnung, von Friseursalon oder Waschraum. Und der Zeitfluss reicht vom 19. Jahrhundert, in der die Wasserkraft die wesentliche Rolle spielte, bis zur Schließung der Dietz’schen Ventilfabrik Ende der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Tatsächlich ergänzen sich das Buch und das Museum ganz hervorragend, wie sie als literarisches Werk oder als lebendiges Fenster in die Vergangenheit nebeneinander stehen können, erlebt und gelesen werden dürfen.

Besucher, die das Museum kennen, werden sofort wissen wer, wie und wo hier gelebt und gearbeitet habe, Käufer und Leser des Buches werden mit dem Führer in der Hand das Industriemuseum von einer ganz anderen Seite aus kennenlernen. „Man kann den Führer zu Hause mit einem Glas Wein auf dem Sofa lesen und sich in die Zeit der Frühindustrie zurückversetzen, anhand des Buches auf Entdeckungsreise gehen“, schwärmt Museumsleiterin Christiane Müller. Die, wie sie in ihrem Vorwort zugibt, durch die Autoren und deren ganz spezielle Sichtweisen von außen selbst nochmal einen richtigen Schubs zur Neubetrachtung der Ausstellungen erhalten habe.


m Rahmen einer kleiner Lesung wurde vor einigen Tagen das Buch mit dem Titel „Wasserkraft & andere Energien“ von Kulturbürgermeister Schweikert und der Museumsleitung der Öffentlichkeit vorgestellt. Drei der Autoren nahmen die Besucher dabei mit auf ihre Reise in die Vergangenheit.


Lesung und Museumsführung

[ ... ] Tatsächlich beginnen die Orte mit dem Buch zu leben, schwärmte Leiterin Müller bei der Buchvorstellung, was fast an den Film „Nachts im Museum“ erinnere. Wenn es überhaupt eines Beweises bedurft hätte, dass die Einrichtung in Lauf eben keine Anhäufung trockener Fakten und Gegenstände sei, sondern ein Ort der Phantasie, dann sei dieser Beweis mit dem Buch hervorragend erbracht worden. Müller bedankte sich bei Verleger Lambert Herrmann, der das Projekt unterstützt hat und in dessen Fahner-Verlag das Buch erschienen ist.

Der Nürnberger Autor Michael Lösel, PZ-Lesern auch als Redakteur der Seite „Poesie an der Pegnitz“ bekannt, erläuterte schließlich den Hintergrund und die Entstehungsgeschichte des literarischen Führers. Lauf stehe dabei in einer Reihe mit Nürnberger Museen, die im Rahmen des Projekts „Mus[e]en-Lesungen“ des Pegnesischen Blumenordens seit drei Jahren von den Autoren als Musentempel besucht und beschrieben werden. Unter anderem dabei das Spielzeugmuseum und das Museum Industriekultur, aber auch das Dürer- oder Fembohaus. Noch dieses Jahr wolle man sich an das Dokumentationszentrum wagen. Museen nämlich seien im besten Sinne die Musen-Tempel für die Autoren, so Lösel. „Die Idee ist, sich sowohl von den Einrichtungen und deren Fenster in die Vergangenheit inspirieren zu lassen, als auch die Museen als ideale Bühne für die so entstandenen Texte zu nutzen“. Die verschiedenen Schreiber garantieren dabei ganz unterschiedliche Sichtweisen und ganz unterschiedliche Textformate. Das ergebe dann Horrorgeschichten und freundliche Texte ebenso, wie wahre Tragödien oder moderne Lyrik. [ ... ]

CLEMENS FISCHER

Zum Industriemuseum Lauf


Nürnberger Nachrichten / 29.01.2013

Literarische Blicke auf die Technikwelt

Rundum gelungen: „Fleiß & andere Kostbarkeiten Vol. II“ im Museum Industriekultur

Erhältlich im Museum Industriekultur,
beim Tümmel-Verlag,
oder im Handel:
ISBN 978-3-940594-29-7

Gleich mal ohne Umschweife: Die „Mus[e]en-Lesungen“ sind eine super Reihe, ein Gewinn für die Stadt – und für den Sonntag außerdem. Wir haben die neueste Ausgabe „Fleiß & andere Kostbarkeiten Vol. II“ im Museum Industriekultur besucht.

Wer den Sonntag sinnvoll verbringen will, hier hat er die Möglichkeit dazu. Geht ins Museum und bekommt noch was vorgelesen. Zum Beispiel, wie sich das nun genau verhält mit dem Strom oder dem Eintritt ins digitale Zeitalter. Und am Ende trifft man sich in der Eckkneipe, singt Lieder, bekommt eine Flasche Bier – mit Bügelverschluss selbstredend – hingestellt und einen Subskriptionsgutschein für das parallel dazu erscheinende Buch in die Hand gedrückt. Fehlt nur einmal Haare schneiden umsonst und eine Runde durchs Viertel auf einem der blank gewienerten Motorräder.

Er beginnt im Kino und endet in der Kneipe: In den Nischen finden die Lesungen statt, unbehelligt von den anderen Museumsbesuchern. Günter Körner erzählt vom „Bleistiftbäumchen“, bei dem die Bleistifte automatisch nachwachsen, Elke Janoff trägt im Duett mit Günter Körner eine hübsch-ironische Collage zur „Befreiung der Frau“ vor. Michael Lösel führt die Zuhörer in die horrible Welt der totalen Digitalisierung, vorgetragen vor der Kulisse von alten Grundig-Geräten. Jeder Text, das macht den Reiz dieser Veranstaltung aus, öffnet einen neuen Blick auf die Welt der Technik und ihre atemberaubende Entwicklung.


Opfer des Fortschritts

Und auch der lokale Bezug kommt nicht zu kurz: In einem fiktiven Interview erzählt ein Nürnberger Arbeiter, wie das damals war mit der MAN und dieser Explosion in ihrem Werk, bei der seinem Vater das Gesicht entstellt wurde, sodass sich die Leute, in der Straßenbahn von ihm wegsetzten. Der Aspekt, dass technischer Fortschritt immer auch Opfer fordert – er kommt nicht zu kurz in diesem Programm.

Es ist ein buntes Potpourri, das das Autorenteam bietet. Ein Kabinettstückchen ist etwa auch Vincent E. Noels „Mein Tod ist kein Beinbruch“, in dem eine Tippse, wie die Sekretärin damals genannt wurde, an der mechanischen Schreibmaschine sitzt und die Lebensgeschichte ihres Chefs diktiert bekommt. „Stille, Schlaf und Leere“ wünscht sich dieser, ehe er zur „fahlen Blüte wird, aufgebahrt in den Herbarien der Erinnerung“. Das klingt delikat und ist es auch. Noel hat daraus ein süffiges kleines Monodrama gemacht, das gekonnt den hohen Ton hält und nie ins Geplapper abrutscht.

In dieser Woche wird im Tümmel-Verlag, das Büchlein zur Reihe erscheinen. Dann ist nachlesbar, auf welch erfreulichem Niveau die Gruppe unterwegs ist.

DIETMAR BRUCKNER

Zum Museum Industriekultur


Nürnberger Nachrichten 11.09.2012

Unsere Ausstellungshäuser sollen lebendiger werden!

Autoren lassen sich von Objekten inspirieren: Das Projekt „Mus[e]en-Lesungen“ startet in eine neue Saison

Ausblick und Nachlese: Seit zwei Jahren gibt es das Projekt Muse(e)n-Lesung nun schon; und wie sich anlässlich des Starts in eine weitere Saison zeigte, besitzt es bereits eine Fangemeinde. So nach und nach füllte sich der Festsaal im Fembo-Haus, und als die neunköpfige Autorengruppe, sechs Männer, drei Frauen, dann zur Tat schritt, war er proppenvoll.

Was Michael Lösel und die Seinen im Folgenden boten, war ein literarischer Streifzug durch jene Programme, die bereits stattgefunden haben in mehreren städtischen Museen sowie ein Ausblick auf den Spielplan der kommenden Wochen und Monate.

„Das Museum ist mehr für uns als zufällige Kulisse oder nur-interessante Location“, sagte Holger Trautmann in seiner Moderation. Vielmehr gehe es darum, sich von den jeweiligen Häusern literarisch inspirieren lassen. Sagen wir es ausnahmsweise mal hochgestochen, es sind ja mehrere Akademiker in der Gruppe: Der genius loci soll einfließen in die Texte, sie prägen und gestalten, inhaltlich wie stilistisch-ästhetisch.

Soll heißen: Die Auftaktveranstaltung „Erfindergeist & andre große Würfe“ am nächsten Sonntag, 14.30 Uhr, im Fembohaus (und anschließend im Zwei-Wochen-Takt) wird sich stark unterscheiden von den bisherigen Auftritten der Literatengruppe. Da war man im Spielzeugmuseum zu Gast, im Museum Industriekultur, im Dürerhaus und im Tucherschloss, wo beispielsweise das schöne Bändchen „Scharfe Gerichte & andere Erfolgsrezepte“ entstand.

„Die Lesungen im Dokuzentrum und im Industriemuseum Lauf werden wieder ganz anders werden“, ist sich Michael Lösel, technischer Redakteur und maßgeblicher Kopf des Projekts, sicher. Das Beispiel Lauf zeigt, wie sich das Konzept weiter entwickeln könnte: hinaus aus der Stadt ins Umland, aus dem Zentrum an die Peripherie, vom großstädtischen Leben ins kleinstädtisch-dörfliche. Man darf gespannt sein, wie sich die Gruppe dadurch verändern wird.

Dass es sich bei ihnen um alles andere als biedere Feierabendpoeten handelt, machte die Lesung schnell deutlich. Günter Körner, im Brotberuf Zahnarzt, las seine Glosse vom Bungee-Jumping vom Quelle-Turm in der Fürther Straße, eine geschliffene Satire auf Event-Kultur und Medienhype.


Balancieren über Abgründe

Literarisch ambitioniert auch das Müllauto-Capriccio von Susanne Rudloff, die die Kunst des Balancierens über Abgründe beherrscht, und Vincent E. Noels Erzählung „Ungeheuer“, in der es um den Dieselmotor geht und die Schrecken, die er verbreitet. Dazwischen Songs und Couplets wie das „Lied der Brückenbauarbeiter“, in Brechtscher Manier intoniert von Michael Lösel und Susanne Rudloff.

Am Büchertisch fanden sich die bisherigen Publikationen der Gruppe, darunter Preziosen wie „lichtes maß“ von Madeleine Weishaupt oder die Collage zu Georg Pencz, dem steckbrieflich gesuchten Nürnberger Maler und Kupferstecher, von Elke Janoff. Liebevoll gearbeitete Miniaturen, ohne je ins Altväterliche, Behäbige abzugleiten.

Wenn es demnächst wieder heißt: Unsere Museen sollen mit Leben erfüllt werden, darf man gerne das Projekt Mus[e]en-Lesung als beispielhaft anführen.

DIETMAR BRUCKNER




Das Team hinter den Mus[e]en-Lesungen von links: Holger Trautmann, Madeleine Weishaupt, Günter Körner, Michael Lösel, Wolfgang Dahms, Elke Janoff und Vincent E. Noel sowie vorne Susanne Rudloff und Christoph Kujawa.

(Foto: Matejka)

Zum Stadtmuseum Fembohaus


Erfindergeist & andre große Würfe

Die LiteraTour

Erhältlich im Stadtmuseum Fembohaus
beim Tümmel-Verlag
oder im Handel:
ISBN 978-3-940594-43-3

Der literarische Führer leitet durch Geschäfts- und Handelsräume weiter, wo Gewinn und Verlust kalkuliert wurden. Landkarten und Die urbane Entwicklung Nürnbergs wird aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Die einstige freie Reichsstadt von herausragender Bedeutung erscheint heute als eine Großstadt mit provinzieller Gemütlichkeit. Nach einem Blick auf die Umfassungsmauer und die spitzgiebeligen Behausungen namenloser Stadtbewohner führt die Lesung über die Küche, die Empore, den Tanzsaal der Patrizier durch das Familiengemach und andere Prunkzimmer. Einen Spaltbreit öffnet sie die Tür zum „dunklen Hinterzimmer“ deutscher Geschichte.

Auf hundert Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Glossar kann die literarische Führung auch zu Hause nachgelesen werden.

Zum Stadtmuseum Fembohaus


Scharfe Gerichte & andere Erfolgsrezepte

Gern gelesen ...

„Und dabei habe ich das Büchlein, das aus dem Projekt Mus[e]en-Lesung entstanden ist, mit großer Anerkennung gelesen. Das ist wirklich, ohne Wenn&Aber, gelungen. Starke Arbeit. Literatur, sachliche (historische) Information und Bild gehen schönstens ineinander über. Ich hab's jedenfalls gern gelesen und angeschaut. Und ich hoffe die Gruppe um Michael Lösel geht weiter auf diesem Weg.“

(Michael Zeller)

Erhältlich im Museum Tucherschloss
beim Tümmel-Verlag
oder im Handel:
ISBN 9878-3-940594-40-2

Ein kleiner Kreis von Familien, durch Fernhandel zu Reichtum gekommen, bildete das Patriziat. Aus ihren Reihen setzte sich der Innere Rat – das politische Machtzentrum Nürnbergs – zusammen.

Die Erfolgsrezepte der Betuchten bewährten sich über mehr als drei Jahrhunderte. Die Selbstermahnung, trotz bester wirtschaftlicher Verhältnisse in Demut zu leben, verkam immer wieder zur modischen Allegorie.

Während man in den Renaissance- und Barockgärten der geschlossenen Gesellschaft feingeistige Erbauung inszenierte, schritt außerhalb der Schlossmauern der Niedergang voran. – Man zog sich in das barocke Wohngemach, angefüllt mit eitlem Zierrat, zurück.




Gruppe Mus[e]en-Lesung mit: Wolfgang Dahms, Michael Lösel, Susanne Rudloff, Christoph Kujawa, Holger Trautmann, Madeleine Weishaupt, Elke Janoff, Günter Körner, Vincent E.Noel.

Auf hundert Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Glossar kann die literarische Führung auch zu Hause nachgelesen werden.

Zum Museum Tucherschloss


Püppchen & andere Miniaturen

Das Buch zur Mus[e]en-Lesung

Erhältlich im Spielzeugmuseum
beim Tümmel-Verlag
oder im Handel:
ISBN 978-3-940594-35-8

Die Texte öffnen die Glasvitrinen des Spielzeugmuseums, das Spielzeug wird lebendig. Rennautos auf ein Zwanzigstel verkleinert, Eisenbahnen im Maßstab H-Null oder Puppen in Kinderwagen folgen gehorsam den Vorstellungen der Spielenden, seien es Kinder oder Erwachsene.

Die Welt im Kleinen ist den Menschen wohlgesinnt, gleich ob jene als unangreifbare Riesen und Herrscher ihre Welt gestalten, pflegen oder ohne jede Furcht vor schlimmen Folgen zerstören.

Glücklich diejenigen, deren Hintertür aus der Wirklichkeit ins Spielzimme führt. Allerdings sollte man dort kein Idyll erwarten. Wer sagt, ein Spiel sei „nur“ ein Spiel, hat den Ernst der Lage nicht begriffen.

Zum Spielzeugmuseum


Rundgang in Form eines Taschenbuchs

Publikation zu Mus[e]en-Lesungen

Erhältlich im Museum Industriekultur
ISBN 978-3-940594-29-7

Die „Mus[e]en-Lesungen“ gibt es jetzt auch als Buch: „Fleiß & andere Kostbarkeiten“, ein literarischer Rundgang durch das Museum Industriekultur, liegt als Taschenbuch vor, erschienen im Nürnberger Tümmels-Verlag. Geplant sind auch Veröffentlichungen zu den anderen beteiligten Museen.

Vor etwa einem Jahr hatte sich eine Projektgruppe um den Autor Michael Lösel zusammengetan, um sich in verschiedenen Nürnberger Museen von den Exponaten inspirieren zu lassen. Entstanden sind Führungen, bei denen die beteiligten Autoren kleine oder größere Geschichten zu den Ausstellungsstücken vortragen.

Ergänzende Informationen Im Falle von „Fleiß & andere Kostbarkeiten“ sind das 13 Texte. Das Buch, das für sieben Euro zu haben ist, enthält außerdem 27 Fotos mit Bildbeschreibungen und liefert Hintergrund-Informationen zu den Objekten und Ereignissen, auf die sich die Beiträge der Autoren beziehen. Matthias Henkel, Direktor der städtischen Museen, hat ein Geleitwort geschrieben.

Zum Museum Industriekultur


Der Literaturblog der Nürnberger Nachrichten

Publikation zu Mus[e]en-Lesungen


... zeigt einen Ausschnitt der literarischen Führung durch das Albrecht-Dürer-Haus und bebildert kongenial die Kritik von Bernd Noack.

Die ausführlichen Texte und Performances der beteiligten Autoren können anhand einer Broschüre zu dieser Mus[e]en-Lesung im Kopfkino betrachtet werden.

Die Broschüre ist im Albrecht-Dürer-Haus erhältlich oder kann hier bestellt werden.

Zum Albrecht-Dürer-Haus


Nürnberger Nachrichten, 16.04.2011

Doppelbödiges über Dürer

„Mus[e]en-Lesungen“ widmen sich Nürnberger Meister

Die Projektgruppe „Mus[e]en-Lesung“, die seit geraumer Zeit verschiedene Nürnberger Museen literarisch unter die Sprach-Lupe nimmt, macht derzeit Station im Albrecht-Dürer-Haus.

Etwas skeptisch blickt die Mutter des Meisters im Wanderer-Zimmer des Albrecht-Dürer-Hauses von der Wand aus auf die Szenerie: Was erzählen diese fünf Dichter, die mit einer Handvoll Lauschender im Schlepptau seit 90 Minuten durch die Stockwerke wandeln, da über ihren Sohn? Nur Gutes, manch Komisches, mitunter Rätselhaftes, brav Anekdotisches oder auch Erhellendes. Und jetzt singt auch noch einer: „der tod so nah wie / erinnerung der vision / dem leeren blick / das offene fenster / verschatteten ahnens / im bann letzter dinge / jenseits des rahmens ...“ Nein, Dürers Mutter muss nicht alles verstehen, was die Nachwelt so über ihren Albrecht und seine Kunst philosophiert.

Dabei sind es gerade die Texte, die sich gedanklich weiter entfernen von der gebügelten Biografie des Malers, die einen ganz anderen, überraschenden Blick auf einen sattsam Bekannten ermöglichen.

Was Dürer und seine Werke in den Köpfen der Nürnberger Literaten Michael Lösel, Andreas Neuner, Günter Körner, Holger Trautmann und Paul S. Wolff an Assoziationen, Abschweifungen und Staunen hervorgerufen hat, sind kleine Bausteine für das große Puzzle eines Lebens.

Mit dem gebotenen Respekt platzieren die fünf zwischen Stichen und musealem Alltagskram ihre Spitzfindigkeiten, räsonieren über Motive in Dürers Bildern, tauchen in die Vergangenheit ein, klammern sich an Details oder erfinden Geschichten, wie sie sich garantiert nicht zugetragen haben können.

Auf Treppenabsätzen, in Kabinetten, neben der Küche und im unaufgeräumten Arbeitszimmer stehen die Zuhörer auf knarzenden Dielen und tauchen mit ein in einen (Bild-) Kosmos, der mal so klar und perfekt ist und gleich wieder geheimnisvoll und doppelbödig: die Dichter erfinden sich Alt-Nürnberger Szenen, spekulieren über die Seelenlage des Meisters, stürzen sich auf Übersehenes in „Ritter, Tod und Teufel“ oder der „Melancolia“ und finden immer wieder einen Bezugspunkt zu ihrer (und unserer) ganz privaten Gegenwart: Auch ein Comic-Zeichner kann sich schließlich manchmal fühlen wie ein Kupferstecher.

Lyrik und Prosa, derbe Mundart und nachdenkliche Lieder: Im Dämmerlicht der Schusterkugel vermischen sich die Künste, die Sprache taucht ein in die Welt der Malerei, und man hat am Ende seiner ungewöhnlichen Reise durch das Universum des großen Dürer mit Sicherheit für sich selber ein kleines Geheimnis entdeckt.

BERND NOACK

Zum Albrecht-Dürer-Haus


Nürnberger Nachrichten 10.01.2011

Von Panzern und niedlichen Püppchen

Autoren ließen sich im Spielzeugmuseum inspirieren - „Am liebsten hätte ich mir eine Schwester gewünscht“

„Kreisel & andere Zaubereien“: Unter diesem Motto lud das Spielzeugmuseum zum literarischen Rundgang ein. Die beteiligten Autoren lasen Texte rund ums Spiel –

Warum er sich ausgerechnet das prächtige Puppenhaus aus dem Jahre 1910 als Motiv für den Fotografen herausgesucht hat, obwohl er selbst doch lieber mit Autos gespielt hat? Diese Frage kann Michael Lösel leicht beantworten: „Ich hatte zwei Schwestern, eine ältere und eine jüngere, und die bestimmten was bei uns gespielt wurde.“

Literarisch aufgearbeitet hat Lösel dieses Schicksal in einer Kurzgeschichte mit dem Titel „Noras Puppenhaus".

Und so wie er bauen auch die anderen Autoren, die zum literarischen Rundgang durchs Museum einladen, eigene Erfahrungen in ihre Texte ein.


Paul S. Wolff erinnert mit dem Zauberstab an den Zauberkasten, den er als Kind vermisste. Er hätte sich gerne eine Schwester gezaubert.

Dieter Diehnelt zum Beispiel zeigt sich fasziniert von der Welt der Puppen – zu hören in dem Gedicht über das „Püppchen“, das er vor der Museumsvitrine mit den vielen schönen Sammelstücken vorträgt. Das ganze Spielzeugmuseum sei eine Idylle, die ihn stark an die eigene Kindheit erinnere, sagt der frühere Lehrer, der sich jetzt ganz dem Schreiben widmet. Er selbst habe früher allerdings nicht mit Puppen gespielt, sagt Diehnelt. „Ich war ein Nachkriegskind und war viel in der freien Wildbahn unterwegs. Wir hatten nichts.“ Mit einem Onkel bastelte er Panzer aus hölzernen Zwirnspulen, die sich aufziehen ließen und dann „gespenstisch lautlos über die Tischplatte krochen und alle Hindernisse überwanden, die sich ihnen in den Weg stellten“.


Dieter Diehnelt ist fasziniert von Puppen – und hatte als Kind der Nachkriegszeit kaum eigenes Spielzeug.

Das Museum mit anderen Augen zu sehen, in den Ausstellungen neue Perspektiven zu entdecken – das ist das Ziel der „Mus[e]en-Lesungen“, die von mehreren freien Autoren ins Leben gerufen wurden und die in alle städtischen Museen führen sollen. Die Reihe startete im Museum Industriekultur, nach dem Spielzeugmuseum, in dem der Lese-Rundgang noch dreimal stattfindet, geht es im Albrecht-Dürer-Haus weiter. Die Texte seien eigens für die jeweiligen Häuser geschrieben, sagt Diehnelt. Doch wollen die Autoren die Museen nicht als bloße Kulisse oder ausgefallenen Präsentationsort benutzen, wie Moderator Holger Trautmann betont. Sie seien vielmehr idealer Ort literarischen Arbeitens und „eine Quelle der Inspiration“.


Michael Lösel lässt heute noch die Puppen tanzen: Er musste immer mit seinen Schwestern spielen.

Deshalb stimmen die Schriftsteller ihr Publikum auch musikalisch auf einige Beiträge ein. Und Günter Körner greift zum Tischtennisschläger, bevor er seine Geschichte „Pingpong“ liest. Bis heute liebt er das Spiel mit dem kleinen Ball aus Zelluloid, verrät der Zahnarzt, der auch Vizepräses des Pegnesischen Blumenordens ist, und erzählt von seiner früher „unerfüllbaren Sehnsucht“ nach einer eigenen Platte. „Wir spielten gegen die Wand und auf dem Esstisch, und dabei ging natürlich alles Mögliche kaputt“.


Günter Körner träumte als Bub von einer eigenen Tischtennisplatte, doch ihm mussten Wände und Tische reichen.

Paul S. Wolff präsentiert sich dem Publikum unter anderem mit Hut und Zauberstab. Als Kind habe er sich immer gewünscht, zaubern zu können, erzählt der 36-jährige. „Denn dann hätte ich mir die Schwester gezaubert, die ich leider nie hatte.“ Doch einen Zauberkasten bekam er nie.

SILKE RONNEFAHRT
FOTOS: MICHAEL MATEJKA

Zum Spielzeugmuseum


Nürnberger Nachrichten 15.11.2010

Spielen ist eine ganz ernste Sache

Lesung im Spielzeugmuseum

Kinder spielen sich ins Leben. So lernen sie den Umgang mit Dingen, Menschen, sich selbst und der Welt. Die sechs Autoren, die zur Mus[e]en-Lesung ins Spielzeugmueum luden, wissen das genau. Dank ihrer künstlerischen Seele ist ihnen klar, dass Spiel keine Spielerei ist, nichts zufälliges, sondern quasi der Hauptberuf jeden Kindes. Eine ernste Angelegenheit.

Und vor allem haben sie die schönsten Erinnerungen an die eigene Kindheit, die natürlich in ihren Texten aufschimmern. Von Moderator Holger Trautmann mit Charme durch die Nürnberger Sammlung geführt, hörten die Gäste Geschichten, die die Schriftsteller speziell für den jeweiligen Ort, für bestimmte Exponate, verfasst hatten.

Sprech-Chansonnier Michael Lösel begann mit einem melancholischen Talking-Blues über den Kreisel des Lebens, der mit dem Spielzeug beginnt, mit dem Liebes- und Alkoholkarussell weitergeht und in manch runder Bewegung endet. Seine Gitarre erzeugte als Soundhintergrund ganze Filme im Kopf. Dieter Diehnelt ließ sich von Abzähl-Reimen zu einer Reflexion über Konkurrenz und Mitmenschlichkeit inspirieren. Dann, passend in der Puppenhaus-Abteilung, Lösels modern-surreale Story von Nora, die sich selbst in der Puppenstube entdeckt.

Da kam eine Aufheiterung recht, die Paul Wolff mit seiner Kaufladen-Geschichte über ein pfiffiges Mädchen bot. Die Kleine zockt ihre Eltern ab, indem sie ihnen ihr unehrliches Verhalten vorhält. Diehnelt ergänzte das Mädchen-Sujet um ein „Püppchen“, das romantischen Träumen nachhängt, aber von einem Mann ausgenützt wird. Weiblichkeit aus einer anderen Zeit. Unvermeidlich das Thema Modellbau. Bei Andreas Neuner opferte ein Mann 24 Jahre für eine 30 Quadratmeter-Welt und bekam Angst, als sie fertig war.

Vor den 50er Jahre-Vitrinen berichtete Diehnelt etwas unkritisch von einem Kriegsonkel, der mit seinem Neffen Spielzeugpanzer baut.

Ein Höhepunkt war die Abschluss-Szene voller Wortwitz mit verteilten Rollen, bei der Vater und Sohn am Strand ein Ratespiel austragen. Eine gehalt- und gefühlvolle Führung, die das Spielzeugmuseum von innen interpretierte.

CLAUDIA SCHULLER

Zum Spielzeugmuseum


Nürnberger Nachrichten 04.10.2010

Spülmaschinen und die Einsamkeit entlassener Arbeiter

„Die Fürther Straße entlang“:
Rund 20 Besucher waren bei der ersten Mus[e]en-Lesung im Museum Industriekultur

Von Hoffnung und Enttäuschung sowie ganz persönlichen und zugleich kollektiven Erinnerungen wollte die erste Mus[e]en-Lesung im Museum Industriekultur erzählen. Gelungen ist ihr das auf vielfältig amüsante Weise.

Von Kindheits- und Jugenderinnerungen in der Fürther Straße, die „wahrlich keine Flaniermeile ist“, erzählte Michael Lösel, der Initiator der Mus[e]en-Lesungen. Während ein Museumsfilm über die Nürnberger Gesetze aufklärte, näherte sich Dieter Diehnelt dem Justizpalast mit den „magnolienschönen“ Bäumen auf lyrisch Weise an. Brav folgten die rund 20 Besucher im Museum Industriekultur der Schaffner-Kelle mit der Aufschrift „Die Fürther Straße entlang“. Damit lotste der Moderator Holger Trautmann von Station zu Station.

Die literarische Führung durch die Adler-Sonderausstellung ist geschickt konzipiert. Nicht nur geografisch werden alle bedeutenden Punkte gestreift, auch in der Zeit schreitet die Lesung voran: Kaum wurde der Aufschwung mit Eisenbahn und Elektrogeräten bejubelt, beginnt schon der Abstieg. Petra Schneiders Werbegedicht über das „Erlebnisbad für Teller und Tassen“ – die neue AEG-Spülmaschine – ist Vergangenheit, wenn sie kurz darauf über die Einsamkeit eines entlassenen Arbeiters erzählt.

Schwer ins Tragisch-Groteske übersteigert ist Günter Körners Beitrag über das Geschäft mit der Verzweiflungstat, über die ein ehemaliger Quelle-Mitarbeiter nachdenken könnte.

Als gewiefter Manager mit schwarzer Sonnenbrille und Quelle-Krawatte macht er den 90 Meter hohen Quelle-Turm als Sprungturm schmackhaft. Sein Poetry-Slam-haftes Fabulieren ist nicht nur inhaltlich, sondern auch qualitativ ein Höhepunkt der ungewöhnlichen Lesung. Über Abzeichen, Knöpfe, Anstecker und Schraubensammlungen wird dann allmählich die Gegenwart mit ihrem alltäglichen Verkehrschaos erreicht. Und auch wenn der Arbeitgeber nicht mehr Quelle, sondern Datev heißt, Wunder geschehen auch heute noch – so zumindest in der letzten Erzählung von Paul S. Wolff.

JASMIN SIEBERT

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sr, Nürnberger Zeitung 02.10.2010

Lesereihe in Museen

Es war einmal die Fürther Straße ...

Unter dem Namen „Mus[e]en-Lesungen“ startet im Oktober eine neue Veranstaltungsreihe der verschiedenen städtischen Museen. Dabei tragen Frei Nürnberger Autoren eigens erstellte Texte zu den entsprechenden Museumsobjekten vor.

Die Literaten beginnen die neue Lesereihe begleitend zur Sonderausstellung „Die Strecke des Adlers“ im Museum Industriekultur. So erschließen die Vortragenden mit ihren Texten die bedeutsamen Stätten der Fürther Straße wie die AEG, das Rio-Kino oder auch das bunte Viertel Gostenhof. Gemeinsam mit einem Moderator geht die Besuchergruppe durch den Ausstellungsraum, die Fürther Straße entlang. Durch die alten Bilder und Gegenstände fühlt man sich in längst vergangene Zeiten zurückversetzt. Hierbei runden die vorgetragenen Texte die gewonnenen Eindrücke ab. „Man ließ sich von den historischen Gegebenheiten inspirieren“, erläutert Michael Lösel, der Projektleiter und Initiator der Lesungen.

Genau das wurde deutlich als Dieter Diehnelt seinen Text „Magnolienschön“ an der Station des Nürnberger Justizpalasts vortrug. So verbindet sein Text nicht nur historische, sondern auch persönliche Erinnerungen an das alte Gebäude, die er mit den Zuhörern teilt.

Schreitet man im Ausstellungsraum ein wenig weiter die Fürther Straße entlang, gelangt man zum alten Quellegelände. An dieser Stelle startet Günter Körner einen Angriff auf die Lachmuskeln der Museumsbesucher. In seinem satirischen Text „Der Quelleturm“ reißt er voller Ironie künftige Verwendungsmöglichkeiten des Bauwerkes an. Vorbei an Nürnberger Schraubenfabrik und Rio-Kino endet der Rundgang schließlich am Plärrer.

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Nürnberger Nachrichten 30.09.2010

Literarisch auf den Spuren des Adlers

Die erste Ausgabe der Mus[e]en-Lesungen bewegt sich „die Fürther Straße entlang“

Acht Nürnberger Autoren haben die Muse ins Museum gelockt und bieten literarische Führungen durch das Museum Industriekultur, das Spielzeugmuseum und das Dürerhaus.

Schrauben, Stiche von Dürer und selbst Spielzeug haben ihren Weg in die Museen gefunden, doch Wortspiele blieben bislang außen vor. Einer, der das ändern und die stummen Ausstellungsstücke zum Leben erwecken will, ist der freie Autor Michael Lösel aus Nürnberg. „'Muse' und 'Museum' haben etymologisch die gleiche Herkunft“, erklärt der Erfinder und die treibende Kraft hinter den „Mus[e]en-Lesungen“, die am kommenden Samstag mit einer literarischen Führung „Die Fürther Straße entlang“ beginnen.

Normalerweise sind Ausstellungsstücke stumme Zeugen vergangener Zeiten, im Projekt „Mus[e]en-Lesung“ werden sie zu Requisiten von Kurzgeschichten. Die Geschichten mit einer maximalen Länge von zehn Minuten wurden extra für das jeweilige Museum geschrieben und thematisieren eine mögliche – aber nicht notwendigerweise historisch verbürgte – Vergangenheit der ausgestellten Gegenstände.

Die eigene Erinnerung oder der persönliche Bezug des Autors zu einem bestimmten Ausstellungsstück ist immer der Aufhänger für die Geschichte.

Der erste literarische Gang durch die Sonderausstellung „Die Strecke des Adlers“ im Museum Industriekultur, Äußere Sulzbacher Straße 60, ist am Samstag, 2. Oktober um 15.30 Uhr und wird am 16. und 30. Oktober zur gleichen Zeit wiederholt. Außer dem Museumseintritt fallen keine weiteren Kosten an.

Die zweite Folge der Mus[e]en-Lesungen beginnt am 14. November im Spielzeugmuseum und dreht sich bis Februar 2011 um „Kreisel & andere Zaubereien“.

Im Dürerhaus lautet von März bis Mai 2011 das Motto „Stiche & andere Spitzfindigkeiten“. „Fleiß & andere Kostbarkeiten“ sind das Thema im Museum Industriekultur ab September 2011.

JASMIN SIEBERT

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Nürnberger Nachrichten 30.07.2010

In Nürnberg boomt die Leselust

Literatur auf Bestellung - Lesen und lesen lassen: Neue Initiativen in Nürnberg

Foto: Stefan Hippel

NÜRNBERG - Gelesen wurde bisher schon regelmäßig im Literaturhaus, in den Kulturläden und Buchhandlungen, im Zeitungscafé der Stadtbibliothek und bei den Mittagslesungen im Künstlerhaus und im Bildungszentrum. Mal lesen prominente Autoren, mal unbekannte Bücherfreunde. [...]

„Literaturding“ für Autoren aus der Region

[...] Einen ganz anderen Ansatz verfolgen die Autoren Andreas Neuner und Michael Lösel, die das Problem der Literaturvermittlung in Nürnberg grundsätzlich angehen und große Pläne schmieden. Sie haben den Verein Literaturding gegründet, der sich als Netzwerk und Plattform für Autoren aus der Region versteht.

Unter dem Vereinsdach laufen bisher drei Langzeitprojekte: Die ambitionierte Literatur-Zeitschrift Blumenfresser, die Autorengruppe Wortwerk und die Textarena, eine offene Lesebühne in der Zwingerbar. »Wir wollen einheimische Autoren, die überwiegend Einzelkämpfer sind, stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen«, erklärt Michael Lösel. Das Literaturding versteht sich als Dachverband, der grundsätzlich offen ist für alle Autoren, bekannte ebenso wie unbekannte. Angestrebt wird auch eine Kooperation mit Institutionen, die sich bisher schon mit dem Thema Literatur und Leseförderung beschäftigt haben.

Konkrete Pläne

Es gibt auch schon zwei konkrete Projekte: Das eine ist eine Lange Lyrik-Nacht, die am 29. Oktober im Künstlerhaus stattfinden soll. Mit unkonventionellen Auftritten sollen fünf Autoren vor allem ein junges Publikum für zeitgenössische Poesie begeistern. »Lyrik berührt, Lyrik ist spannend, Lyrik macht Spaß«, erklärt Andreas Neuner.

Das zweite Projekt ist auf Dauer angelegt: Eine Reihe von Lesungen in den Städtischen Museen. Das Besondere daran ist, dass die Lesungen im Rahmen des normalen Museumsbetriebs, also nicht als Sonderveranstaltungen, stattfinden. Die Texte wurden speziell für das Museum Industriekultur, das Dürer-Haus und das Spielzeugmuseum geschrieben und setzen sich mit Ausstellungsstücken, aber auch mit historischen Ereignissen und persönlichen Erlebnissen auseinander.

Los geht es am 2. Oktober im Museum Industriekultur: Unter dem Motto „Die Fürther Straße entlang“ gibt es ein literarisches Begleitprogramm zu der Eisenbahn-Ausstellung „Die Strecke des Adlers“.

Im Spielzeugmuseum sollen ab November Lesungen unter dem Motto „Kreisel & andere Zaubereien“ stattfinden. Und im Dürer-Haus finden ab März abendliche Lesungen unter dem Titel „Stiche & andere Spitzfindigkeiten“ statt. Insgesamt sind bisher 20 Veranstaltungen geplant. Die Autoren-Projektgruppe (Michael Lösel, Andreas Neuner, Leonhard F. Seidl, Günter Körner, Holger Trautmann, Petra Schneider, Dieter Diehnelt und Paul S. Wolff) bereitet die Museumslesungen seit einem Jahr vor.

Angedacht sind auch eine Begleitbroschüre und ein Hörbuch mit den Textbeiträgen der Autoren.

STEFFEN RADLMAIER

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