MICHAEL LÖSEL . Wort, Spiel und Musik
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Ballade vom spöttischen Schriftsteller

Der Autor Michael Lösel beschäftigt sich mit menschlichen Hoffnungen und Enttäuschungen

Nürnberger Nachrichten, 3. Oktober 2006

"Herbstwein" heißt eine CD, auf der der Nürnberger Autor Michael Lösel sich einem Soziotop widmet, welches er selbst den "kleinsten und zuweilen engsten öffentlichen Raum mit der höchsten sozialen Ereignisdichte" nennt: Die Kneipe. In Lösels "Kneipenballaden" wimmelt es von Aufschneidern und Absteigern, Anmachern und Angemachten, Hobby-Philosophen und stillen Beobachtern, kurzen Röcken und geilen Böcken, zerbrochenen Herzen und heißen Flirts. Die ganze Szenerie aufgeweicht vom Alkohol, geräuchert vom Zigarettenqualm und aufgeputscht vom Sound der Kneipencombo.

Unterlegt von der stimmungsvollen Gitarrenbegleitung des Nürnberger Blues-Urgesteins Klaus Brandl erzählt Michael Lösel seine Stories mit ruhiger, wohlartikulierter Stimme - nicht ohne einen bisweilen liebevoll-sarkastischen Unterton - geradeso, als würde er die Geschichten, während sie sich gerade vor seinen Augen abspielen, vertraulich in sein Diktiergerät sprechen. So einem, sollte man meinen, ist die Kneipe ein zweites Zuhause, die Stammgäste seine Familie, das Glas Bier sein bester Freund. Wie fast immer sieht die Wirklichkeit etwas anders aus.

Wir treffen uns eines Abends im "Gregor Samsa", versteckt gelegen in einer kleinen, leicht zu übersehenden Gasse unweit des Nürnberger Stadtparks, eine der ältesten Szenekneipen der Stadt und Teilzeitheimat für Künstler wie Dan Reeder, Harry Schemm und andere. In diesem schnörkellosen, holzvertäfelten Ambiente, vor den großformatigen Malereien und einfachen Holztischen sind auch die Fotos für das CD-Booklet entstanden, auf denen Lösel und Brandl - logisch - beim Wein- oder Biertrinken und Zigarettenrauchen zu sehen sind. "Es geht ja nicht um die Kneipe", sagt Michael Lösel und nippt an seinem Glas Wasser, "es sind die Menschen, die mich interessieren. Die Kneipe ist bloß die Verortung. All das könnte auch auf einer Party passieren." Oder auch bloß im Kopf des Dichters. "Meine Geschichten sind immer ausgedacht. Die Namen der Protagonisten sind völlig austauschbar. Es geht mir um menschliche Regungen, Hoffnungen, Enttäuschungen und darum, wie die Menschen damit umgehen."


Mit wachem Blick Tatsächlich verbringt Lösel - ein hagerer Mann in den späten Vierzigern mit wachem Blick und einem leicht spöttischen Zug um die Mundwinkel - weit weniger Zeit in der Kneipe, als man aufgrund seiner detailreichen, authentisch wirkenden Balladen annehmen könnte.

Zirka alle zwei Wochen besucht er eine ihm bis dato unbekannte Nürnberger Lokalität, um sich dort zu einer Kolumne inspirieren zu lassen, die er für die Nürnberger Zeitung schreibt. Das kann mitunter eine schwere Geburt sein. "Einmal saß ich in einer Bar und mir fiel absolut nichts ein, worüber ich hier schreiben sollte. Nach einiger Zeit fiel mir ein Mann auf, der die ganze Zeit nur stumm vor seinem Cocktail saß und guckte. Ich stellte mir vor, das wäre ein russischer Schachgroßmeister, der nur darauf wartete, herausgefordert zu werden. Daraus entspann sich dann die Story ..."

Früher vertonte Michael Lösel als Gitarrist und Sänger der Band "Wunderhorn" klassische deutsche Texte, erst mit den auf rund 60 Stücke angewachsenen Kneipenballaden fing er an, selber welche zu schreiben, "nach gewissen Vorbildern" wie er betont und nennt nicht Bukowsky oder Tom Waits, sondern Heinrich Heine, Erich Kästner oder Kurt Tucholsky.

Tatsächlich verweisen Wortmelodie und die etwas aus der Mode geratene Versform seiner Stücke eher auf die deutschen Klassiker als auf US-amerikanische Underground-Poeten, deren Sujets ja oft ähnliche waren. Dabei spielt Lösel ganz bewusst mit Klischees: Die Damenrunde, die "gackernd und schnatternd" unter sich bleibt, die Männer, die stumm an der Theke stehen und der Wirtin in die Bluse gaffen. "Klar sind die Klischees überspitzt, aber es ist nunmal so. Mit irgendeinem Text erwisch ich jeden mal - aber nur der Gedanke des Hörers macht das Wort zur Sau."

Eine Frage drängt sich noch auf, als Lösel nach einer guten Stunde das erste Mal zur Zigarettenschachtel greift: Was, wenn in naher Zukunft tatsächlich das allgemeine Rauchverbot in öffentlichen Räumen in Kraft tritt? "Das würde ich befürworten", meint der Dichter verschmitzt, "Rauchen ist scheiße." Und steckt sich eine an.

Peter Gruner


Der Wirklichkeit ein "Schwippchen" geschlagen

Herbstwein - Balladen des fränkischen Urgesteins Michael Lösel

Bayern2, 04. März 2007

[...] So beginnen sie oft am Abend, die Nächte, die man verzweifelt zum Tag machen will. Und sie enden beim "Going Home". Dazwischen die Turbulenzen in einem luftleeren, lautstarken, täglich aufs neue verblühenden Soziotop, das der Nürnberger Dichter und Musiker, Michael Lösel, den "kleinsten und zuweilen engsten Raum mit der höchsten sozialen Ereignisdichte" nennt. Das klingt ziemlich sozialromantisch, und es geht auch kürzer, Lösel meint schlichtweg: die Kneipe. Ihr - keiner bestimmten, eher dem unvergänglichen Typus, in den man an jeder Straßenecke stolpern kann - hat er jetzt zweiundzwanzig Balladen gewidmet, in denen er sich in wunderbar altmodischer Art und sehr weise genau auf die beiden Lebensgefühle seine Reime macht, die dort am häufigsten vorherrschen: Hoffnungen und Enttäuschungen, eine Lokalrunde durch die Stimmungen, an denen schon lange nichts mehr stimmt.

Das Verblüffende, bisweilen sogar Anrührende an den, unter dem melancholischen Titel "Herbstwein" versammelten, gesprochenen Liedern, die der Gitarrist Klaus Brandl zart und aufbrausend zupfend untermalt, ist die völlig aus der Zeit geratene Erzählweise, mit der Lösel seine Beobachtungen, Selbsterfahrungen, Abstürze und Aufbrüche präsentiert.

Da sitzt in der Tat ein Dichter im Café, dem die hintersinnige Schnoddrigkeit und ätzende Spottsucht eines Villon, die aufrichtige komödiantische Tragik eines Walter Mehring sehr vertraut sind.


Sicher, Lösels Typen haben meistens gehörig einen im Hut, verwässern ihr Bier mit tränentrüben Selbstanklagen, verwechseln Liebe und Triebe, verkriechen sich in geselliger Einsamkeit und verschanzen sich hinter Posen und Possen. Aber sie haben immer noch Würde.

Die Sprache, mit der sie gezeichnet werden, verleiht ihnen oft allzumenschliche Konturen, zwischen denen sie sich eben dennoch gerade halten wie in einem zwickenden Korsett, egal was auch geschieht. Und das macht den Reiz dieser Balladen aus: mit liebevoll und wohlgesetzten Worten, wird von etwas erzählt, was eigentlich außerhalb jeglicher Zucht, Ordnung und Moral liegt. Lösels brüchige Stimme mag zuweilen an Tom Waits erinnern, aber sie ist nicht Attitüde, ist nicht Kunstgriff mit dem er der Realität an die Gurgel geht. Sie passt zu den Gefühlen dieser Shortstories und klingt so authentisch wie das musikalische Murmeln des Thekennachbarn, dem man immer interessierter zuhört, weil er auf einmal die Geschichte von einem selber erzählt. [...]

Das ist schön so, denn selten war ein Blick tief ins Glas so anregend, das funzelige Tresenlicht so erhellend und die gelallte Trinkerphilosophie so klar verständlich wie in diesen Balladen von den Sperrstunden des Lebens.

Bernd Noack


Sie kommt halt nur zum Trinken her..

Michael Lösels Kneipenballaden-CD "Herbstwein"

plärrer / Stadtmagazin, Oktober 2006

Bereits 1981 erschien in Nürnberg seine erste Schallplatte mit der Gruppe "Wunderhorn", "Von Flüchtenden und Liebenden". Das waren musikalische Vertonungen von deutschen Lyrikern wie Heine und Novalis, rund zehn Jahre später folgte die CD-Veröffentlichung von Poemen des Expressionsten Klabund. Im Folgenden widmete sich Michael Lösel, der als Brotberuf der Technischen Dokumentation von EDV-Handbüchern nachgeht, der Literatur jenseits aller PC-Welten, der Poesie. Insbesondere die Nacht- und Schattenseiten menschlicher Existenz haben es ihm angetan. Und wo schlagen sich diese am augenfälligsten nieder? Richtig: in Bars und Kneipen ohne DJs und Musikgehämmere.


Und Lösel gastiert gerne an solchen Orten, freilich nicht, um sich selber unter den Tresen zu saufen, sondern als Beobachter, mit sehr liebe- und verständnisvollem Blick auf Töchter & Söhne der Nacht. So entstanden Dutzende von Balladen & Short Stories, 22 davon wählte er aus für dieses Hörbuch namens "Herbstwein". Michael Lösel liest, gestaltet seine Texte sehr nuanciert, und Blues-Gitarrist Klaus Brandl begleitet ihn promillegenau. Ein schönes Stück akustischer Kneipenkultur!

Jochen Schmoldt


Eine Liebeserklärung an alle Zecher NZ-Kolumnist

NZ-Kolumnist Michael Lösel präsentiert seine CD

Pegnitz-Zeitung, 22. 11. 2000

Schöne neue Welt! Die finsteren Kneipen früherer Zeiten sind jetzt helle und rauchfrei Räume, in denen Familien Bionade trinken und der Papa schon schief angesehen wird, wenn er sich ein Becks Orange genehmigt. Schöne neue Welt? Für die Gestalten, die Michael Lösels "Kneipenballaden" bevölkern, ist ein solches Zukunftsszenario eher eine Höllenvision Danteschen Ausmaßes.

Die Leser von Nürnbergplus kennen Michael Lösel als Autor der Kolumne "Kneipen-Anstöße": Farbige Erlebnisberichte aus den unterschiedlichsten Bars und Kneipen der Stadt, vom Szene-Treff bis zum Gammel-Keller. Schon vor der Arbeit an dieser Reihe widmete sich Lösel aber auch auf poetische bis philosophische Weise der Welt des Tresens: Mit seinen gereimten Kneipenballaden. Und die hat er nun, mit musikalischer Unterstützung durch den Gitarristen Klaus Brandl, auf eine CD gebannt.

Am Samstag stellte Michael Lösel seine CD mit dem Titel "Herbstwein" im Kulturladen Röthenbacher Hauptstraße vor: als liebevolle Hommage an alle Zecher und Zecherinnen. Zwar war der Auftrittsort alles andere als eine dunkle Trinkerhöhle, doch auch in der gediegenen Kulturladenatmosphäre entfalteten die "Kneipenballaden" ihre promillige Sogwirkung.


Im Fokus der Gedichte stehen alle Facetten des Kaschemmenmikrokosmos und man merkt, dass Lösel jahrzehntelang an der Kneipenfront recherchiert hat, natürlich - wie er immer wieder beteuerte - aus rein beruflichen Gründen.

Seine Stücke bevölkern die nie mit Ratschlägen knausernden guten Freunde, verführerische Tresen-Engel oder gackernde und schnatternde Damenrunden - und selbst der sabbernde Wirtshund bekam eine Fabel gewidmet. Denn gerade bei Stippvisiten in berüchtigten Absturz-Etablissements werden Klischees immer wieder bestätigt, klingen sie vorher auch noch so albern. Als lyrische Paten der "Herbstwein"-Balladen sind Kurt Tucholsky, Rainer Maria Rilke oder Gottfried Benn auszumachen. Einmal wandelte der Autor sogar auf den Spuren von François Villon, und dies im zufriedenstellend imitierten Klaus-Kinski-Duktus.

Michael Lösels Talking Blues kam punktgenau, obwohl er sich selbst auf der Gitarre begleiten musste. Denn der Duettpartner Klaus Brandl hatte an diesem Abend frei. Doch der Literat meisterte diese Hürde souverän und bewies, dass er nicht nur mit Worten umgehen kann. Die "Kneipenballaden" erhellen die schummrige Wirtshausatmosphäre mit einem sanftem Licht, so sanft wie ein Rhinophym leuchtet, die bekannte Trinkernase.

Clemens Fischer


Schiffbruch am Tresen

Nürnberger Zeitung, 22. Februar 2006

Saufen und schwafeln - das ist es doch, was die Leute in der Kneipe tun, oder? Nun, in manchen Spelunken ist tatsächlich nicht mehr geboten. Doch es gibt genug Tresen, an denen viel mehr passiert: Da wird die Kneipe zu einem eigenen Kosmos, der bunter sein kann als die Welt draußen.

"Die Kneipe bietet Raum für das Unerwartete", schwärmt der Nürnberger Literat Michael Lösel. "Revolution und Depression prosten sich an einem Tisch zu und auf dem Tisch tanzen die Mäuse." Grund genug für ihn, in 22 "Kneipenballaden" skurrile Gedankenspiele und humorvolle Geschichten zu vereinen - und der Gitarrist Klaus Brandl steuert die passenden Klänge dazu bei.

Rauch und Rausch

Mit feinem Witz beschreibt Michael Lösel, wie aus menschlichen Abgründen schillernde Seifenblasen aufsteigen und zerplatzen. Wie sich inmitten von Rauch und Rausch die Schicksale verknoten und große Visionen gesponnen werden. Oder auch: Welche unterschiedlichsten Typen auf engstem Raum zusammentreffen.

"Da gibt es zum Beispiel den Alleine-Sitzer, der nur das Treiben beobachtet. Und wenn man ihn selbst beobachtet, dann denkt man sich: Was denkt der sich eigentlich?" Dann wieder fallen Tresenhelden mit großem Hallo ins Wirtshaus ein und geben erstmal eine Runde aus. Ja, und wenn der Abend schon sehr spät geworden ist, kann es auch mal passieren,


dass ein alter Keipenkapitän anfängt, Seemannsgarn zu spinnen - und ganz überzeugend behauptet, dass Nürnberg einst am Meer lag...

Du schwankst, oder der Dielenboden? Die Planken beginnen mit den Meereswogen zu schwanken! Du hangelst zum Tresen in Seemannsschritten wo der Oberpirat grad Schnaps spendiert für seine Mannschaft - kriegst auch ein` serviert als einer von denen, die Schiffbruch erlitten.

Die meisten Kneipenballaden von Michael Lösel sind Legenden, doch viele Geschichten könnten so stattgefunden haben. Deshalb bescheren seine Beobachtungen den Zuhörern oft ein Déjà-vu-Erlebnis, ganz gleich, ob sie in verqualmte Wirtshäuser oder lieber in schicke Cafés gehen.

Der Autor selbst ist in den verschiedensten Lokalitäten Nürnbergs anzutreffen, vom kultigen Kloster bis zum feudalen Freudenpark. Doch seine Stammkneipe ist das Gregor Samsa - und dort entstand auch gemeinsam mit Gitarrist Klaus Brandl die Idee zu den Kneipenballaden. Inzwischen haben die beiden bereits eine CD aufgenommen, für die sie noch einen Vertrieb suchen. Jeden Monat wollen sie nun ihre Oden und Sonette, Aphorismen und Geschichten vortragen, und das immer an einem anderen Ort -aber natürlich immer in einer Kneipe.

Erik Stecher


Geballte Menschlichkeit

Lauf: Michael Lösel präsentierte "Kneipenballaden"

Pegnitz-Zeitung, 22. Dezember 2006

"In der Kneipe kommt die Menschlichkeit geballt daher", meint der Nürnberger Künstler Michael Lösel, der seine "Kneipenballaden" am vergangenen Freitag im PZ-KulturRaum vorgestellt hat. Seine erfundenen und wahren Geschichten spielen in und um das Biotop Kneipe herum. Zu den Blues-Rhythmen seiner Gitarre rezitiert Lösel melancholische Balladen, humoristische Sonette oder szenische Prosatexte. Mit viel Witz und Ironie treibt er seine feinen Beobachtungen auf die Spitze und entdeckt dabei skurrile Absurditäten. Unweigerlich muss man schmunzeln, wenn Lösel den "Weizenbiertrinker" unter die Lupe nimmt und dessen seltsames Ritual beim Einschenken des Gerstensaftes bis ins Kleinste seziert.


Lösel nimmt den Zuhörer mit auf seine Wanderungen, lässt ihn teilhaben an seinen Gedanken, die sich verwickeln und wieder entwirren. Dabei kommt es ihm vor allem auf die Stimmung seiner Balladen an, "die Texte ergeben sich dann von selbst". Einige dieser atmosphärischen Kneipenballaden hat er auf seiner CD "Herbstwein" zusammengestellt. Die Stücke laden dazu ein, dem Kneipengänger über die Schulter zu schauen oder sich in der einen oder anderen Situation gar selbst zu entdecken.

Tina Chemnitz


Kneipe als Dreh- und Angelpunkt

Kneipenballaden im Gasthaus "Grüner Schwan"

Hersbrucker Zeitung, 15. Dezember 2006

Der Nürnberger Autor und Poet Michael Lösel gab Kostproben aus seiner neuen CD "Herbstwein", die Stories von Nachtschwärmern, Tresenphilosophen und Bar-Engeln erzählt. Die Kneipe als Dreh- und Angelpunkt, als Kulisse des Menschlich-Allzumenschlichen, Treff und Heimat für gemütliche Liebhaber des Absackens, melancholische Traumtänzer und heroische Weltversteher, allesamt Figuren einer Nacht, in die Lösel mit einfühlsamen, skurrilen oder ironischen Texten entführt. "Sprit wird zu Esprit" verwandelt, die Trilogie von der Machbarkeit der Liebe entfaltet sich in Verzögerung, Steigerung und jähem Einknicken vor den Tücken des Alkohols.


Im Raum schweben und vergehen Visionen wie Rauchkringel, da wird "ungeniert die halbe Nacht deliriert", an etablierten Gewissheiten gekratzt, da werden Schicksale über den Tresen gehandelt und neue Einsichten geboren. Gegen Mitternacht wird dann auch eine Dame einmal "breit". Lösel, der sich als Hundehasser outet, widmet sich dennoch in einer Ode dem Wirtshund und persifliert dann kühn das Dichterwort, denn "alle Lust will Ewigkeit". Eigentlich schreibt er sonst Prosa und Kolumnen; seit zweieinhalb Jahren widmet er sich der Verskunst, die geschickt Stimmungen rund um den "Tatort Kneipe" verdichtet.

Helga Manderscheid


Mikrokosmos Kneipe

- Michael Lösel im Kreuzigungshof

Nordbayern Online, 30.07.2007

Auf die Suche nach dem wirklichen Leben hat sich seit einiger Zeit der Nürnberger Liedermacher, Lyriker und Autor Michael Lösel begeben. Er hat dabei einen Ort entdeckt, "an dem sich der Abstand der Wirklichkeit zum Alltag derart vergrössert, wie er es sonst nur auf Hohlwegen bei Mondschein tut": Man höre und staune, gemeint ist die Kneipe.

Vor einem shakespearschen Wald aus Regenschirmen gab Michael Lösel am Sonntag im Kreuzigungshof Highlights aus seiner reichen Sammlung an Kneipengeschichten zum Besten - ganz ohne zu singen. Eine Barde der nicht singt? Nun gut, nennen wir es Zwischending aus musikalischer Lesung und dylaneskem Sprechgesang.


Der Barde spielte Gitarre, unterstützt durch seinen "Bassknecht" und alten Kneipenkumpel Heinrich Filsner (Tuba/Bass) und trug seine Lyrik vor. Ein Haiku über den "Hefeweizenselbsteinschenker" etwa, oder eine Ode an die immer wieder in Erscheinung tretende Engelsfigur - auch wenn es sich hierbei um eine Jugendliebe handelt, die der weitgereiste Nürnbergheimkehrer nun als Gläserspülendes Mädchen am Tresen wiedererkennt.

"Aber kann man einen Menschen wirklich kennen?" fragt sich der Barde, der auch die Schattenseiten des Kneipensumpfes ebenso schonungslos offen legt wie das ökonomisch-emotionale Abhängigkeitsverhältnis zwischen Säufer und Wirt.

Sebastian Keuth


Hommage an die Lieblingskneipe

Nürnberger Nachrichten, 06.12.2005

"Michael Lösel beleuchtet die Kneipe in ihrer schillernden Anziehungskraft als Treffpunkt, Realitätsflucht, zweite Heimat, Liebeskarussell, aber auch als Geburtsort von Philosophie. [...] Nach Angriffen auf die Lachmuskeln wird es fast melancholisch. [...] Der Gitarrist Klaus Brandl sorgt für den passenden musikalischen Rahmen und trifft, mal schwermütig, mal beschwingt, stets


Den rechten Ton zum Vortrag. [...] Die Ballade "Alte Bekannte" macht die unausweichliche Endlichkeit des Daseins für einen Moment spürbar. Das Publikum hat noch nicht genug, aber mit "Going Home", dem abenteuerlichen Selbstgespräch eines Rilke- und Nietzschebelesenen Zechers auf dem Heimweg, setzt Lösel den Schlusspunkt."

Sebastian Keuth